Mein Lebensziel existiert nicht mehr, bevor ich mich in eine neue Richtung für den Rest meines bisschen Lebens orientieren kann, muss ich mich erst mal selbst wieder finden. Offensichtlich hat mich die Wahrheit oder die wahren Worte über mich, mein Aussehen und all dem was mit meinem Körper und Verhalten zu tun hat, in eine tiefere Krise fallen lassen, als selbst ich mir dies eingestehen möchte.
Jeder muss mal durch eine solche Krisen, mein Handicap war wohl nur, dass es erst am Lebensende passiert ist, wo man kaum mehr Mölichkeiten hat oder sucht, aus dieser Grube zu entkommen. Lange hatte ich mich vor dem Ergebnis versteckt, hatte Gefühle die Oberhand gewinnen lassen; und damit selbst alles einfach nur noch schlechter gemacht.
Leben und leben lassen ist sicher auch nicht ganz richtig, irgendwer wird dabei auf der Strecke bleiben, ich muss nur Vorsorge tragen, dass ich es nicht bin. Ich glaube und denke nicht, dass ich noch mal wem überhaupt Gefühle entgegen bringen möchte, es würde nur auf eine Zweckgemeinschaft hinauslaufen. Dafür sind mir die Frauen zu schade. Andererseits, ganz ohne geht es ja auch nicht, werde ich hin und wieder zu bestimmten Events jemanden einladen. Feten, Party, Urlaub, einfach nur um nicht allein sein zu müssen. Gemeinsame Aktivitäten, ohne weitere Gefühlsduselei – das könnte ich mir noch vorstellen. Ungern würde ich meinen Urlaub ewig allein verbringen. Und wenn ich alles zahle, findet sich sicher eine weibliche Begleitung? Auch das Alter sollte nun für mich keine Rolle mehr spielen. Ich würde eh niemanden mehr zweimal einladen. Es soll wirklich nur noch dem Zweck dienen, Spass zu haben und Spass zu geben.
Durch die Scheidung bin nun absolut niemanden mehr Rechenschaft schuldig und kann einfach in den Tag leben. Und vielleicht ist die ein oder andere Bekanntschaft so ehrlich und weist mich auf weitere Fehler an mir hin? Damit könnte ich den einmal eingeschlagenen Weg all der bisherigen Veränderungen vielleicht vervollkommnen – und es wird aus mir noch ein alter Mann, der dann auch wieder unter die Leute gehen kann und nicht, wie damals zugesagt, wenn man das Restaurant betritt, ausgelacht oder zumindest boshaft angegrinst wird als Biest neben der Schönen. Das musste ja immer wieder eine qualvolle Tortur neben mir gewesen sein. Ich hatte es genossen, nicht darauf geachtet, wie schlimm dies alles für eine Frau war. Ich war eben nur ein Egoist.
Deshalb mag es nun wirklich gut sein, dass ich all meine Fehler und Mißstände endlich einmal vor Augen geführt bekam, losgelassen wurde, um selbständig daran zu arbeiten und all jene Dinge für eine Zukunft zu verbessern.
Das eine ist die veränderung, das andere ist meine Seele, all das, wie ich mich selbst immer wieder als schlechten Menschen sehe. Diese Vorstellung zu brechen, wird mir nun vielleicht nicht mehr gelingen. Egal was auch immer ich an mir, meinem Verhalten, meinem Äußeren verändere, in meinem Geist oder vor meinem geistigen Auge vollzieht sich diese Veränderung nicht. Da bin ich immer nur der, als der ich eben dargestellt wurde.
Das erklärt wohl auch, dass ich nun keine Lust mehr auf eine Partnerschaft habe, ich lieber hin und wieder jemanden einlade – mehr nicht. Fürs erste mag mir das genügen, um zur Ruhe zu kommen.