Ich kann mich kaum konzentrieren, warte angespannt auf einen Anruf. Es bringt nichts, wenn ich mich jede halbe Stunde dort melde. Und, so oder so – das Leben geht weiter. Ich habe nun keine Verantwortung mehr, ich lebe allein. All das was ich mir so noch vorgenommen hatte, habe ich geregelt. Ich habe eigentlich keine Wünsche mehr, habe mein Leben vollkommen umgestellt und lebe so nun eh plan- und ziellos. Ich habe mich meinem Schicksal ergeben.
Auch wenn, wie ich noch immer hoffe, dass das Ergebnis negativ ist – sein muss! Ich habe gerade in den letzten fünf Jahren gelernt, meine Wünsche zu verstecken, das Leben nur noch so hinzunehmen, wie es halt kommt. Sicher lassen sich dabei auch Glücksmomente generieren. Glück kann für alte Menschen so klein sein. Früher wollte ich immer alles, die Welt war meine Welt, schon möglich dass ich da als schlechter, egoistischer und arrogant herüber gekommen bin. Nur: ich hatte nie die Menschen an meiner privaten Seite vergessen, denen sollte es besser gehen als mir – das brachte mir meine Negativbeurteilung ein. Ich konnte mein Anliegen nicht richtig rüber bringen, vielleicht habe ich das Leben zu bunt, zu vielfältig gesehen? Davon bin ich nun wirksam schockgeheilt. Stimmt, wenn man herauslesen sollte, dass ich damit noch nicht so richtig abschließen konnte. Wer kann mir auch dazu einen Rat geben, ein Gefühl in einem Sekundenblitz entzündet, das ganze Leben verfolgt, nach fast vierzig Jahren wollte ich dem Wunsch zur Wirklichkeit verhelfen – allein auch mein langes einsames Leben trotz Olga hatten mich zu einem abgestumpften alten Mann gemacht. Ich konnte nicht mehr all das mit Leben erfüllen, was ich empfand. Der ganze Scheidungskrach erforderte seinen Tribut. Aus meinem Empfinden heraus war all das zum Scheitern verurteilt. Ich konnte mich nicht mehr als ernst zunehmenden Partner darstellen – ich hätte blitzartig mein Verhalten ändern sollen – dazu fehlte mir die Kraft und anderen die Zeit. Auch wenn der Wille vorhanden war, die Zeit dazu war bereits überschritten. Ich hatte alles verloren. Es wäre gelogen, würde ich behauupten, dass mich das nicht mehr bewegen würde. Vielleicht werden die Speicherzellen im Hirn und der Bereich meines Herzen und meiner Seele irgendwann mal „archiviert“ – mit Leben am Limit und auf der sinnbildlichen Überholspur hat es jedenfalls nicht geklappt. Auch einen Rat eines Psychotherapeuten holte ich ein, um damit fertig zu werden… Auch nur weil mir vorgeworfen wurde, ich sei psycho – wie man das eben so sagt…
Und ganz sicher bin ich mir nicht, aber in den Narkosen und Teilnarkosen habe ich verschiedenes „erzählt“ – so beeinflußt das alles mein Unterbewusstsein. Peinlich.
Und nun rufe ich doch noch mal an, zuerst meinen Hausarzt und Freund.
Es ist nun funfzehn Uhr, ich habe noch immer keine Nachricht. Es kann doch nicht so wild sein, ein paar gramm Fleisch unters Mikroskop oder in Agar-agar zu bringen, um so ein übermässiges, vielleicht bösartiges Zellwachstum nachzuweisen??? Es ist zermürbend, wenn man nichts hört, keine Antwort bekommt, hätte man mir gesagt, ein Ergebnis kann es frühestens dann und dann geben, würde ich viel ruhiger sein.
Vor Jahren hatte ich schon mal vor auszuwandern, einfach abhauen mit allem was ich habe. Wenn ich nach diesen Eskapaden wieder gesund bin oder werde, mein Arbeitsleben vorzeitig beendet habe, werde ich alles auflösen und mir etwas suchen, wo es lohnt seinen Lebensabend zu verbringen. Ich denke an gleichmäßige Temperaturen, normalen Regen, relativ geschützt vor Sturm und Unbilden, überschaubar. Auf einer real estate Seite fand ich die Insel NIUE, das könnte mir gefallen. Und ist so klein und soweit weg, hat zwar einen Flughafen, man kommt aber nur über Neuseeland auf die Insel, dass es mir sicher gelingt zu vergessen – verdrängen hat ja nun auch nicht funktioniert. Ablenken von Gefühlen macht die Sache auch nicht besser, alles andere hat eh nicht geholfen.
Jetzt will ich erst mal wissen, was mit dem Gewebe ist. und dann würde ich zu gerne ein Blutbild machen lassen, obs nun besser ist – aber dazu muss ich noch paar Tage warten, das umliegende Gewebe in der Nebenhöhle muss erst ausheilen. Hoffentlich war das der Krankheitsherd und nichts anderes, auch nicht die Gewebevermehrung im Bereich der OP-Narbe.
Ich bin sicher, Unkraut vergeht nicht und als schlechtester Mensch habe ich noch ein langes Leben vor mir. Ich würde nicht aufgeben, mein Leben wegwerfen – erst solche Hilfe annehmen, wenn es wirklich nicht mehr weiter gehen kann. Aber dazu muss man alles sehen und nicht nur so ein Stück vermaledeites Gewebe.
Ich bin zuversichtlich – auch wenn ich sonst vieles falsch gemacht hatte in den letzten Jahren…

Natürlich hatte ich noch viele Ideen…